Die Hujässler bestehen seit 1998. Von Beginn weg pflegen sie die urchige Ländlermusik und entwickeln sie weiter. Mit ihrer Grundbesetzung, einer typischen Ländlerkapelle aus der Innerschweiz mit Klarinette, Schwyzerörgeli, Klavier und Bass bestreiten sie den Grossteil ihrer Auftritte. Sie haben aber immer auch experimentiert. Sie haben sie Projekte mit Rockband, klassischem Orchester und verschiedenen Blasorchestern aufgeführt.
Sie haben die Schweizer Volksmusik von innen her weiterentwickelt und haben viele junge Nachahmer gefunden. Mittlerweile gibt es 10 CD-Aufnahmen, darunter Film- und Theatermusik.
Markus Flückiger und Dani Häusler werden 2011 mit dem Innerschweizer Kulturpreis, als erste im Bereich Volksmusik, ausgezeichnet.
Tagesanzeiger, Kultur
Im seligen Rausch des Urchigen
Von Christoph Fellmann, 19.02.2011
Wo Neue Volksmusik draufsteht, sind Daniel Häusler und Markus Flückiger drin. Die beiden Innerschweizer sind virtuose Erneuerer der traditionellen Töne.

«Bündner Stil?! – Quatsch!»: Markus Flückiger (vorne) und Daniel Häusler von den Hujässlern. Bild: Doris Fanconi
Daniel Häusler und Markus Flückiger auf Tournee
Dani Häusler leitet an der Luzerner Musikhochschule den Studiengang für Volksmusik und unterrichtet Klarinette. Flückiger ist Dozent für Schwyzerörgeli. Die beiden haben soeben den Innerschweizer Kulturpreis erhalten.
Manchmal, an ganz besonderen Abenden, passiert es. Manchmal, wenn die Hujässler in einer Ecke in einem Wirtshaus sitzen und sich die Ländlermusik aufs Knie nehmen, dann kommt es vor, dass sich die Dämpfe aus den Kafi-Schnaps-Gläsern mit dem Gemecker des Schwyzerörgelis und dem Giggeln der Klarinette in einen Rausch steigern, der seliger ist als der rein alkoholische. Und dann kann es also passieren, dass all den Höcklern an den Tischen das Gemüt auf einmal ganz leicht wird. Dass sie aufstehen und leibhaftig tanzen.
Das sind glückliche Abende für Markus Flückiger und Daniel Häusler: «Plötzlich ist aus irgendeinem Grund dieser Spirit da, und dann geht es total ab.» Glücklich macht das die Musiker, weil ihr Spiel dann in einer Tradition aufgeht, die fast verloren ist: Volks- als Tanzmusik. Als etwas, das eine Wirtsstube aus den Angeln hebt und die Leute in Taumel versetzt. «Herstellbar ist das nicht», sagt Häusler, und Flückiger reicht eine Erklärung nach: «Wir Ländlermusiker sind keine Rampensäue, wir haben alle noch den Rees Gwerder in uns.» Gwerder, die krumme Örgeliautorität aus dem Muotatal, tot seit 13 Jahren. «Du weisst schon, dieser Typ mit dem Stumpen, der dasitzt, spielt und kein Wort sagt, wenn du ihn was fragst.»
Wenn man in dieser typischen Zurückhaltung vor dem zahlenden Gast überhaupt eine Schwäche erkennen will: Es wäre die einzige dieser Hujässler. Noch nie wurde die Ländlermusik auf so hohem Niveau gespielt. Mit so virtuoser Leichthändigkeit, mit so sehnsüchtigem Brio. Wer die CDs hört von Markus Flückiger (Schwyzerörgeli), Daniel Häusler (Klarinette), Reto Kamer (Klavier) und Sepp Huber (Bassgeige), der kommt zum Schluss: Das ist Volksmusik von einem anderen Stern. Und das ist nur so lange ein Widerspruch, wie man denkt, die Volksmusik komme vom Volk.
Eine musikalische Postkarte
Daniel Häusler und Markus Flückiger treten in Beizen auf und auf Chilbis, und das gerne. Aber was die beiden Musiker vor über 15 Jahren am Ländlermusikfest in Appenzell zu später Stunde zusammenbrachte, war etwas anderes: der Wunsch, eine anspruchsvolle, konzertante Ländlermusik zu spielen. Sich abzunabeln von der Idee des Volksmusikers als gemütlicher Dilettant. Weil zu ihrer ersten Gruppe aber bald auch Hans Muff stiess, ein Strombassist mit Sinn und Lust für Jazz und Hardcore, kam es vorerst anders: In der Gruppe Pareglish verknüpften sie die Volksmusik aus vielen Weltgegenden und gaben ihr einen Puls aus Rock und Elektro.
Diese Musik sieht Flückiger heute kritisch. Nicht, weil sie, wie damals viele Leute meinten, die Volksmusik verwässere. Sondern, «weil wir mit dem finnischen Tango nicht gleich gut waren wie mit dem Schottisch oder der Polka». Die Bedeutung der 2002 aufgelösten Pareglish für die neuere Volksmusik ist trotzdem kaum zu überschätzen: Erstmals waren es nicht Punks oder Jazzer, die die erstarrten Muster der Volksmusik aufbrachen, sondern eigene Leute.
So stossen auch die Hujässler heute kaum auf Ablehnung. Obwohl auch hier «keine Regeln» gelten, wenn die Ländlermusik in klassischer Innerschweizer Besetzung gespielt wird. Man kann Anklänge hören an Klezmer oder Balkanjazz; aber ein entscheidender, wenn auch etwas profaner Unterschied zu dem, was man Volksmusik nennt, ist dann doch ein anderer: Es ist komplexe, konzertante Musik, und das zu professioneller Gage. Wenn sie auch erfüllt ist von der Sehnsucht nach einer Unmittelbarkeit, die das Volk bewegt und es zum Tanzen bringt. «Mir gefällt die Idee des Dancefloors», sagt Markus Flückiger.
«So ist es schön, so bleibt es»
Flückiger und Häusler treten in den teuersten Konzertsälen des Landes auf, dozieren an der Hochschule und erhalten Geld oder einen Kompositionsauftrag von der Pro Helvetia: Sie profitieren damit auch, wie sie gerne zugeben, von der Nobilitierung, die ihre Musik – in einer Edelvariante als sogenannte «Neue Volksmusik» – erfahren hat. Blickt man aber etwas genauer auf die Arbeit der beiden Innerschweizer, stellt man fest, dass es eine Alte Volksmusik ist, die sie umtreibt: nämlich die vielfältige und offene Überlieferung aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, wie sie die Hanneli Musig spielt. Häusler und Flückiger haben die Gruppe mitgegründet.
«Die Stile, mit denen auch wir aufgewachsen sind, stammen aus der Nachkriegszeit», erklärt Flückiger: «Man hat von der Volksmusik, wie sie damals zufällig war, eine Blitzfotografie gemacht und daraus eine Postkarte. Man sagte: So ist es schön, so bleibt es.» Die besten Argumente dafür, an diesem Bild zu rütteln, kommen also geradeso gut aus der Vergangenheit wie aus der Gegenwart. Die Hanneli Musig spielt die Stücke aus der Sammlung von Hanny Christen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und die zum Beispiel belegt, dass damals nicht in festen Besetzungen gespielt wurde, sondern mit den Instrumenten, die man halt hatte. Markus Flückiger: «Sagt mir heute einer:Bündner Stil!, dann sage ich:Quatsch!»
So ist die Volksmusik in den letzten Jahren auch darum vorwärtsgekommen, weil sie zurückblickte. Einflüsse aus anderen Volksmusiken und ungewöhnliche Arrangements, Molltöne und Dissonanzen, Improvisation: Was man der Neuen Volksmusik zuschreibt, war in der Alten selbstverständlich.
Zurück auf den Tanzboden
Künstler, die das überlieferte Material also ständig weiterverformen, leben heute besser als vor zwanzig Jahren. Das beweist auch der Erfolg des Überlandorchesters von Max Lässer, in dem Markus Flückiger ständig und Daniel Häusler als gelegentlicher Gast spielt. Aus den USA importierte Blues- und Folkklänge verbinden sich hier filigran mit den urchigen Schweizer Farben. Diese Musik ist nicht frei von Sentimentalität, aber sie trifft einen Nerv. Und sie könnte, glaubt Flückiger, ein Schritt hin zu einem Stil sein, in dem sich Rock und Volksmusik auch in der Schweiz so natürlich verbänden wie in den USA oder in Irland.
Denn dass die Volksmusik noch populärer wird, hoffen Häusler und Flückiger sehr wohl. Es gebe jetzt zwar Förderer, Festivals und jede Menge Presse, sagen sie, aber das Publikum bestehe nach wie vor aus «ein paar Tausend» Interessierten, die sich in verschiedenen Szenen mehr oder weniger aus dem Weg gehen: «Das Ländlerpublikum hört Ländler und wird nie bereit sein, mehr als zehn Franken für ein Konzert zu bezahlen», so Häusler. «Die Innovativen kommen in die Tonhalle; wenn wir in der Beiz spielen, bekommen sie das gar nicht mit.»
«Ja, die Volksmusik ist wieder salonfähig», so Flückiger. «Die grosse Frage ist nur, ob es eine neue Generation schafft, sich ein neues Publikum zu erspielen.» Warum nicht auf dem Tanzboden.
(Tages-Anzeiger)
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